Massa Marittima - Ausflug ins Mittelalter in der Toskana

Autor: Philipp Loermann
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In Massa Marittima, dieser kleinen Stadt auf einem Hügel inmitten der Maremma-Ebene, ist die Zeit stehen geblieben. Der mächtige Dom an der zentralen Piazza Garibaldi demonstriert den damaligen Einfluss des Papstes in Rom. Beeindruckende Paläste weltlicher Machthaber gruppieren sich um die Kathedrale. Die grandiose Piazza ist belebt, Restaurants laden zum Snack ein. Zweimal im Sommer, im Mai und August,  findet hier das Spektakel Balestro del Girifalco mit bunten Umzügen, Fahnenschwenkern und Wettbewerben im Armbrustschießen statt.

Im Schatten der historischen Architektur sucht man sich seinen Platz auf den Stufen des Doms oder einer der Caféterrassen und bestaunt ringsherum die Wucht der Geschichte. Einmalig! 

Prämiertes Gesamtkunstwerk in der Maremma

Obwohl die Stadt so klein ist, gibt es viel zu sehen. Kirchliches, Kriegerisches und nicht zuletzt Komisches! Diese Vielfalt der Vergangenheit, versammelt in Massa Marittima, hat der Touring Club Italia mit der Bandiera Arancione (orange Flagge) ausgezeichnet. Der authentische Erhaltungszustand des Städtchens sowie seine historischen und kulturellen Kostbarkeiten sind jedenfalls eine Reise wert!

Besuch der Altstadt

Das Herzstück der nahezu unverändert gebliebenen Città Vecchia, der Altstadt, ist der dreieckige Garibaldi Platz mit dem San Cerbone geweihten Dom im spätromanisch-gotischen Stil aus dem 13. Jh. Dieses erhabene, aber schlichte Bauwerk mit der hellen Fassade verdient eine nähere Betrachtung. Dafür muss man sich ein bisschen Zeit nehmen. Es lohnt sich!

Arkadenbögen und schmale Säulen mit korinthischen Kapitellen gliedern die Außenwände. Kunstgeschichtlich interessant sind die Reliefs über dem Hauptportal. Dargestellt sind Szenen aus dem Leben des heiligen Cerbone. Das etwas später entstandene obere Geschoss des Giebels zeigt bereits den Einfluss der Gotik. Aber die drei abschließenden schlanken Türmchen wurden erst, anders als vom Betrachter erwartet, zu Beginn des 20. Jhs. hinzugefügt. Und auch der Dachstuhl wurde später, im 17. Jh.,  aufgesetzt, vorher war das Gebäude nach oben offen.

Im Inneren wirft man einen Blick auf das schöne Rundfenster (14. Jh.) an der Portalwand. Daneben, im rechten Seitenschiff, steht ein reich verziertes Taufbecken aus Travertin aus dem Jahr 1267, der steinerne Tabernakel darüber entstand im 15. Jh. Mehrere Darstellungen der Madonna, in verschiedenen Epochen als Malerei und Skulptur ausgeführt, gehören zum Kirchenschatz. Das wertvollste Stück ist allerdings  der Sarkophag mit den Gebeinen des Heiligen, 1334 geschaffen. Die in den Stein geschnittenen figürlichen Reliefs zeigen Lebensstationen des Cerbone, darüber Abbildungen der Propheten.

Piazza Garibaldi

Verlässt man den Dom und steigt die Stufen des Podests hinab, auf dem das Kirchengebäude mit Campanile und Bischofspalast thronen, dann nimmt man das imposante Bauensemble wahr, das sich auf der Piazza Garibaldi versammelt hat. Rechts vom Dom der ehemalige Regierungspalast der weltlichen Herrscher, 1225 erbaut, als Massa Marittima zur freien Stadt wurde. An der Fassade sind die Wappen der sienesischen Stadtvögte sowie das schwarzweiße Stadtwappen angebracht. Heute befindet sich in dem Gebäude das archäologische Museum. Neben weiteren repräsentativen Palazzi fällt das Rathaus mit Zwillingsfenstern und Wappen auf. Ehemals war es das Wohnhaus der Machthaber, zu Beginn des 13. Jhs. erbaut. Gestalterisch in die herrschaftliche Fassade dieses Palazzo Comunale integriert ist der noch ältere Gefängnisturm, der Torre del Bargello (frei übersetzt: Polizeiturm) und ein weiteres Turmhaus. Was aussieht wie aus einem Guss, ist tatsächlich die Verschmelzung von drei Gebäuden.

Zu Recht zählt die Piazza Garibaldi mit den historischen Fassaden aus örtlichem Travertin zu den schönsten urbanen Plätzen in der Toskana. Einerseits präsentiert sich mittelalterliche Stadtkultur auf beeindruckende Weise. Ein Bilderbuch der Geschichte. Geniales Fotomotiv! Der Blick durch die zeitgenössische Linse verlockt dazu, die Vergangenheit zu romantisieren. Andererseits wird nirgendwo das Tauziehen innerhalb mittelalterlicher Machtverhältnisse deutlicher als hier, ablesbar an den jahrhundertealten Gebäuden auf diesem Platz. Kirche und Kommune in beständiger Konkurrenz.

Massa Marittima Piazza Garibaldi toskana

Kommerz gestern und heute

An der Piazza Garibaldi beginnt der Corso della Libertà, gesäumt von zahlreichen weiteren Adelspalästen aus dem Mittelalter. Im Erdgeschoss dieser Baudenkmäler sind Restaurants und Bars, Tante-Emma-Läden, Souveniershops und Modeboutiquen eingezogen. Die Geschäfte stören keineswegs die alte Pracht, vielmehr laden sie uns  Reisende zum Bummeln und Stöbern ein. Denn es besteht kein Zweifel, dass Massa Marittima nicht nur bei Touristen beliebt, sondern auf diese angewiesen ist, um zu überleben. Das war nicht immer so.

Vielmehr liegt der Ort mitten in der Hügelkette der Colline Metallifere (in etwa: Erzgebirge), wo seit der Antike Kupfer, Silber und Eisenerz abgebaut wurden. Den früheren Wohlstand, den die großartigen Paläste aus Stein bezeugen, verdankt die Stadt den reichen Bodenschätzen der Umgebung und dem florierenden Bergbau. Damit zog Massa Marittima den Neid benachbarter Städte auf sich. 1335 wurde der unabhängige Stadtstaat erst von Siena erobert, gut 200 Jahre später von Florenz. Auch weiterhin blieb Massa Marittima ein bedeutendes Wirtschaftszentrum der Maremma mit bis zu 10.000 Einwohnern um das Jahr 1300. Nachdem man die Malaria in den maremmanischen Sümpfen überwunden hatte, wurden die zwischenzeitlich stillgelegten Bergwerke um 1830 revitalisiert und blieben bis 1970 die Haupteinnahmequelle der Stadt. Inzwischen sind sie geschlossen. Zu unrentabel. Ein Stollen wurde zum Museum umfunktioniert. Heute ist der Tourismus der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Gegend.

Città Nuova – die Neustadt

Über die Via Moncini erreicht man das ehemalige Arme-Leute-Viertel Città Nuova, das höher als die Altstadt liegt. Hier wohnten früher vor allem die Bergarbeiter mit ihren Familien. Im Zentrum des mittelalterlichen Bezirks befindet sich die 1335 von den Sienesen errichtete Festung und vor der Porta alle Silici, durch die man hindurchgehen muss, die gewagte Brücke, die zum ältesten (1228), aussichtsreichen Torre del Candeliere (Glockenturm) hinaufführt. Der großartige Arco Senese, der kühne Bogen aus Stein, stammt von 1337, er verbindet die Bastion mit der Altstadt. Das anstrengende Hinaufklettern auf den Torre wird mit einer weiten Aussicht auf die grünen Hügel der Maremma belohnt. Wer nach dem Aufstieg eine Pause einlegen möchte, dem bietet sich das bei Einheimischen beliebte Café in dem nahegelegen Waffendepot an. Das Gebäude, im 15. Jh. erbaut, wird so genannt, weil es als Lager vor allem von Armbrüsten fungierte. Heutzutage ist in dem vielfach renovierten Gebäude das Museum für Geschichte und Kunst des Bergbaus untergebracht. Im Schatten der Loggien kann man wunderbar verschnaufen und sich eine italienische Kaffeespezialität gönnen. Danach besucht man das nur einige Schritte entfernt liegende Kloster Sant `Agostino mit schönem Kreuzgang und einer Sammlung kostbarer religiöser Kunstwerke.

Kulinarische Kuriosität

Nach soviel frommer Kirchenkunst ist ein visueller Ausgleich willkommen. In der Altstadt, direkt gegenüber dem bezahlpflichtigen Parkplatz, existiert ein seltsam anmutendes Wandgemälde, über das man sich wahrhaft göttlich amüsieren kann. Unter den Arkaden des Palazzo dell`Abbondanza, dem mittelalterlichen Kornspeicher, befindet sich die einstmals einzige öffentliche Brunnenanlage der Stadt. Das Gemäuer hinter den Wasserbecken ziert die frivole Darstellung eines Phallus-geschmückten Fruchtbarkeitsbaumes aus dem Jahr 1265. Im Mittelalter war dieses Symbolbild durchaus verbreitet und löste keinen Skandal aus, was man ja heute vermuten könnte. Einzigartig sind hingegen die beiden darauf abgebildeten jungen Frauen. Sie zanken und reißen sich gegenseitig an den Haaren im Streit um die besten Baumfrüchte. Wirklich komisch!

Zum Schluss des Spaziergangs durch das so reizvolle Städtchen kehrt man auf die wundervolle Piazza Garibaldi zurück und genießt im Abendsonnenschein noch ein Glas des DOC-zertifizierten Rotweins Monteregio di Massa Marittima. Ausgezeichnet!


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