Niki de Saint Phalle - Tarot Garten

Autor: Philipp Loermann
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Riesengroß, knallbunt und durchaus märchenhaft sind die Figuren, die Niki de Saint Phalle sich für ihren Tarot Garten in der Toskana ausgedacht hat. Erwachsene und Kinder stehen gleichermaßen staunend vor den 22 Fantasiegestalten, deren Erscheinung beim Betrachter mal puren Übermut auslöst, andererseits auch erschrecken und verstören kann.

Die zauberhafte Welt der Niki de Saint Phalle – im Tarot Garten der Künstlerin bei Capalbio, Maremma

Von 1978 bis 1998 arbeitete die französisch-amerikanische Bildhauerin an diesem Gesamtkunstwerk, in das sie nicht nur ihre magischen Skulpturen, sondern auch bizarre Architekturen, Treppen, Sitzbänke, Wasserspeier und Brunnen integrierte.

Ein Traum wird wahr

Mit dem Tarot Garten erfüllte sich Niki de Saint Phalle (1930 – 2002) einen Lebenstraum. Nirgendwo sonst lässt sich die überschäumende Erfindungsgabe der Künstlerin in dieser Fülle bewundern. Der Giardino dei Tarocchi, wie der Kunstpark italienisch heißt, ist unbedingt einen Ausflug wert

Die Idee nimmt Gestalt an

Unterstützt von Jean Tinguely (1925 – 1991), ihrem schweizerischen Ehemann, der aufgrund seiner beweglichen, aus Maschinenteilen und Schrott zusammengebastelten Objekte ebenso populär ist wie die Künstlerin selbst, realisierte Niki de Saint Phalle gemeinsam mit vielen Helfern dieses außergewöhnliche Kunststück. Vier Maschinenskulpturen von Tinguely, alle 1985 hergestellt, bereichern den Tarot Garten. Seine materialarmen, auf lineare Formen reduzierten Eisenplastiken bilden in ihrer abstrakten Machart einen scharfen Kontrast zu den narrativen Fabelwesen der Künstlerin. Es war vor allem Tinguely, der das eiserne Gerüst für den Kern der von ihr entworfenen Figuren zurechtbog und verschweißte, bevor anschließend die endgültige Form aus Spritzbeton entstand. Bei der Ausarbeitung und Dekoration legte dann nicht nur Niki de Saint Phalle selbst Hand an, sondern weitere Künstler, Studenten und Freiwillige arbeiteten mit ihr.
Mit viel Hingabe und Ausdauer widmete sich die Bildhauerin 20 Jahre lang ihrem herausfordernden Kunstprojekt. Ab 1983 wohnte sie sogar mitten auf dem Gelände. Sie zog in die begehbare Architektur-Skulptur der „Kaiserin“ ein, die als Sphinx gestaltet ist. Mit tausenden Spiegelscherben sind die gewölbten Wände des Innenraums bedeckt. Das Bild des Besuchers wird wie von einem Kaleidoskop in viele kleine Facetten zerlegt – ein überraschender Anblick! Über eine gewundene Treppe erreicht man die Schlafempore, wo noch heute das Bett steht, in dem die Künstlerin übernachtete. Für mich ist diese exzentrische Wohnhöhle, das private Refugium der aufregendste Ort im Tarot Garten, da man sich hier der einzigartigen weiblichen Persönlichkeit bewusst wird, die jedes Detail entsprechend ihrer Vision designt hat.

Ein besonderer Ort

Der Skulpturengarten befindet sich etwa 60 km von Grosseto entfernt inmitten der toskanischen Hügellandschaft. Das Gelände, privater Landbesitz, stellte die Caracciolo Familie zu Verfügung; das Vorhaben wurde u.a. von den Agnelli, der einflussreichen Industriellenfamilie, gefördert. Die Anlage gliedert sich in gestalterisch vielseitige, jedoch thematisch verbundene Bereiche, die teilweise fließend ineinander übergehen oder durch Hecken, Bäume und zusätzliche Pflanzungen voneinander separiert sind. Das Auf und Ab des Geländes erhöht die Spannung und den Reiz, den der Besucher auf seiner Entdeckungstour erlebt.

Vorbild und Inspiration

Den Plan, einen Garten für ihre Skulpturen anzulegen, fasste die Künstlerin bereits Mitte der 50er Jahre, als sie in Barcelona den Parc Güell des spanischen Architekten Antonio Gaudi besuchte. Sie besichtigte zwar noch andere Künstlergärten und ließ sich von diesen inspirieren. Doch die Verwandtschaft zu Gaudis Werk ist unübersehbar. Das augenscheinlichste Merkmal sind die bunten Mosaiksteine und Kacheln, die hier wie dort die organisch geformten fantasievollen Plastiken sowie gebauten Elemente schmücken. Gaudi vermied rechte Winkel, stattdessen wurde die für den Jugendstil typische Wellenform in asymmetrischer Anordnung bevorzugt. Sanft gerundete, quasi natürliche Formen kennzeichnen auch das Oeuvre von Niki de Saint Phalle, deren Parkanlage sich ebenso wie die von Gaudi an das hügelige Terrain anpasst. Dieser Respekt vor der Umgebung lässt eine symbiotische Beziehung zwischen Natur und Kunst heranwachsen. Entstanden sind reizvolle Orte, deren Wechselspiel von Harmonie und Spannung den Besucher in eine andere Welt entführt. Ein Aufenthalt in den Gärten befreit den Mensch immerhin eine Zeitlang von Alltagssorgen. Die Kunst wirkt wie ein Sorgenfresser und Heiterkeit breitet sich aus.

Ein mysteriöses Kartenspiel

Das aus dem Mittelalter bekannte Kartenspiel Tarot oder Tarock war Namensgeber für das künstlerische Großprojekt in der Maremma. Seit dem ausklingenden 18.Jh. werden die abgewandelten Tarot-Karten für Wahrsagerei sowie eine esoterische bzw. psychologische Auslegung genutzt. Die 22 Monumentalplastiken im Park entsprechen also den 22 großen Arkana des Spiels. So werden die Bilder auf den Trumpfkarten genannt. Hinter jedem Arkana versteckt sich ein Geheimnis, eine verborgene Bedeutung, die nur der in die komplizierten Spielregeln Eingeweihte entschlüsseln kann.
Man muss aber gar nicht diesem Kreis der Kenner angehören, um die überwältigende Imaginationskraft der Künstlerin zu bewundern und sich von der rätselhaften Faszination, die von dem Gesamtkunstwerk ausgeht, verzaubern zu lassen.

Die Koexistenz von Schrecken und Schönheit

Die mit zigtausend farbigen Kacheln und Mosaiksteinchen, Spiegeln und buntem Glas, Malerei und dreidimensionalen Details überzogenen Riesengestalten funkeln und glitzern und besitzen eine nahezu außerirdische Strahlkraft.
Im Angesicht von so viel farbgewaltiger Pracht und überbordender Formenvielfalt stellen sich bedrohliche Assoziationen an dunkle Mächte, Angst, Schmerz und Verzweiflung nicht von selbst ein. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Niki de Saint Phalle genau diese negativen Gefühle und Erinnerungen, unter denen sie seit dem jahrelangen sexuellen Missbrauch durch ihren Vater litt, aufarbeitete, indem sie den fantasievollen Tarot Garten gestaltete. Das Ergebnis dieser Transformation von erlebter Gewalt und Leid ist ihr Kunst-Garten, der auf den ersten Blick geradezu wie eine kindlich spielerische Traumkulisse wirkt. Aber doch nicht so, als seien hier Dämonen in Stein gebannt?!
Lässt sich dieser Widerspruch von sichtbarer naiver Schönheit der Kunst und seelischem Abgrund im Inneren erklären? Nur ansatzweise! Vielleicht helfen hier die Trumpfkarten des Tarotspiels weiter. Sie besitzen vieldeutige und zum Teil gegenteilige Symbolkraft, je nachdem wie die Karten gemischt und gelegt werden. Als Antwort auf die individuelle Befragung der Karten wird dann eine Interpretation vorgenommen.
Durchaus vergleichbar verhält sich der Betrachter im Umgang mit Kunstwerken. Hinterfragt er kritisch den schönen Schein der Kunst oder reicht ihm das Glück des Anschauens? Manche werden in den Figuren von Niki de Saint Phalle die Ambivalenz der Aussage erkennen und den biografischen Spuren der Künstlerin folgen wollen. Andere sehen - ganz ohne Hintergedanken -  vor allem die Leichtigkeit und Lebensfreude der Skulpturen. Sie sind mit ihrer Auffassung ebenso ganz nah bei Niki de Saint Phalle, die mit dem Tarot Garten vor allem einen „Ort der Freude“ erschaffen wollte.

Tipps

  • Der Tarot Garten ist vom 1. April bis zum 15. Oktober geöffnet.
    Tickets kosten € 14,00 für Erwachsene. Preisnachlass für Senioren und Behinderte. Kinder bis 6 Jahre zahlen keinen Eintritt. Link zur offiziellen Seite.
  • In den Sommermonaten ist der Andrang sehr groß. Es empfiehlt sich, Tickets vorab online zu kaufen und die Randstunden morgens oder abends zu buchen:
    https://www.ticketlandia.com/m/event/ticket-tarot-garden
    Beim Eingang gibt es einen Souvenirshop und eine kleine Bar.
  • Zahlreiche und gute Restaurants findet man im nahegelegenen Capalbio, wo man während der Hauptsaison rechtzeitig einen Tisch reservieren sollte.
    Die Besichtigung des mittelalterlichen Dorfs Capalbio kann man bestens mit dem Besuch des Giardino dei Tarocchi verbinden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Kunstpark beträgt ein bis zwei Stunden.
  • Wer noch mehr Schaulust entwickelt, dem rate ich zu einem Abstecher in den Parco Bosco (italienisch: Parco dei Mostri / Park der Ungeheuer) in der Nähe der ca. 90 km von Capalbio entfernten Stadt Bormarzo, Provinz Viterbo.  Dieser wurde 1552–1585 im manieristischen Stil erbaut. Versteckt in einem Wäldchen warten zu Stein erstarrte Monster, Giganten, Nymphen sowie legendäre Gestalten der Mythologie auf. Wunderschön gruselig!

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