Sovana, eine Oase in der Toskana

Autor: Philipp Loermann
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Filmkulisse oder Freilichtmuseum? So ähnlich wirkt der aus ockerfarbigem Tuff in ca. 300 m Höhe erbaute Ort auf den zeitgenössischen Besucher. Hier ist Vergangenheit zum Anfassen ein Versprechen, welches mit jedem verbauten Stein eingelöst wird.

Sovana lädt zum Schauen und Studieren ein. Später am Tag, wenn die Touristen verschwunden sind, treffen sich alte Signoras in geselliger Runde vor blumengeschmückten Haustüren. Dann schlendert der späte Besucher ungestört durch die Gassen. Abends hat man Sovana für sich allein. 

Die Aldobrandeschi, Herrscher über die Südtoskana

Im Gebiet der Maremma trifft man immer wieder auf das alte Geschlecht der Aldobrandeschi. In Sovana hatten sie ihren Stammsitz und sind hier seit 940 dokumentiert. Die gewaltige Burgruine Rocca Aldobrandesca liegt direkt am Ortseingang und sollte ehemals die mittelalterliche Stadt beschützen. Die Anlage aus dem 11. Jh wurde mehrfach umgebaut, aber seit dem 17. Jh. dem Verfall überlassen. Ihr wuchtiges Mauerwerk dokumentiert bis heute den Führungsanspruch dieser Landesherren. Die ursprünglich mit einem Graben gesicherte Festung ist nur von außen zu besichtigen. Hingegen lohnt es sich durchaus, den Innenraum des in entgegengesetzter westlicher Richtung gelegenen Doms zu betreten. Diese Kathedrale im romanisch-gotischen Stil ist ein kunsthistorisches Muss.

Der Papst, der die Machtfrage stellte

Irgendwie kurios sieht die Wachsfigur von Papst Gregor VII aus, die in einem gläsernen Sarg im Dom Pietro e Paolo in Sovana ausgestellt wird. Dabei ist er die berühmte Persönlichkeit des Städtchens! Angeblich stiftete Gregor VII seiner Heimatstadt die Kirche Pietro e Paolo, die im 11. Jh. über einem Vorgängerbau errichtet wurde. Das marmorne Seitenportal mit vor- und frühromanischen Ornamenten ist besonders eindrucksvoll. In Sovana zwischen 1025 und 1030 als Hildebrand geboren, übte Gregor VII von 1073 bis 1085 als einflussreicher Reformpapst das oberste Kirchenamt aus. In der Nähe der Kathedrale befindet sich das Geburtshaus des Papstes, eine Marmortafel weist darauf hin. Auch Nicht-Katholiken ist der sprichwörtliche „Gang nach Canossa“ ein Begriff. Gemeint ist damit ein demütigender Bitt- oder Bußgang, den der deutsche König Heinrich IV als Erster antrat, nachdem er von Papst Gregor VII exkommuniziert worden war. Ein machtbewusster Kirchenmann also, der im Streit mit dem König den Sieg errang. 

Im Zentrum weltlicher und kirchlicher Autorität

Über rotes Backsteinpflaster im Fischgrätmuster, teilweise noch historisch, gelangt man in die Mitte des Städtchens. Hier liegt der vormalige Amtsgerichtsplatz Piazza del Pretorio. Dieser Platz hat Seltenheitswert! Das mittelalterliche Stadtmodell ist vollständig erhalten, hier stört kein Neubau das originale architektonische Ensemble. Zweigeschossige Häuser stehen teilweise auf Fundamenten aus dem 12. Jh., dazwischen die bedeutendsten historischen Gebäude Sovanas. Auffällige Wappenschilder aus Stein verzieren die Fassade des Palazzo Pretorio aus dem 12. Jh. Sie verweisen auf die Verwaltungsbeamten der Medici, die vom 14. Jh. bis zum 16. Jh. hier regierten. An der Gebäudeecke befindet sich eine seltsame Säule, vermutlich ein Vorläufer der heutigen Litfaßsäule; sie diente früher dem Zweck der Bekanntmachungen. Links nebenan die Loggia del Capitano mit dem riesigen Wappen der Medici auf der Außenwand. Wo einst der Hauptmann residierte, ist inzwischen eine schnöde Pizzeria eingezogen.

Apropos! Am besten macht man auf der Piazza in einer der kleinen Bars eine Pause. Hervorragend geeignet ist die gegenüber gelegene ENOTECA GOLOSOFIA mit ansprechender Auswahl an Weinen und leckeren Spezialitäten der Region. Habe ich einen Stuhl im Freien ergattert, den Teller mit köstlichem Schinken und ein Glas mit kühlem Wein vor mir stehen, dann stellt sich sofort kulinarisches Glücksgefühl ein. Von hier aus lässt man mit Muße den Blick über das einmalige historische Ambiente schweifen. Es gibt noch soviel zu sehen, z.B. den Palazzo dell Archivo aus dem 13. Jh. mit alter Uhr auf der Fassade und Glockenturm darüber oder die Kirche Santa Maria Maggiore (12. Jh.). Im Inneren sind ein einzigartiger Altarbaldachin aus Stein sowie wertvolle Fresken zu bewundern. Die halb verfallene Steinmauer links der Kirche, neben dem Palazzo Bourbon del Monte mit offener Halle im Erdgeschoss, gehört zum ältesten Gebäude. Es handelt sich um Reste der ersten christlichen Kirche, die dem Schutzpatron der Stadt San Mamilliano geweiht war. Sovana wurde bereits im 4. Jh. n. Chr. Bischofssitz, infolgedessen spielte der kleine Ort während der Christianisierung der Südtoskana eine große Rolle. 

Erinnerungen an die Antike 

Nicht nur mittelalterliche, sondern erheblich ältere Sehenswürdigkeiten locken Touristen an und erhalten auf diese Weise Sovana am Leben. In den 1920er Jahren wurde ganz in der Nähe ein etruskisches Tempelgrab entdeckt, das einzig erhaltene. Dieses Tomba Ildebranda genannte Monument aus dem 3. Jh. v. Chr. bestand frontal aus zwölf mit Kapitellen verzierten Säulen. Die heute im Museum von Sovana ausgestellten Kapitelle zeigen die Gesichter männlicher und weiblicher Götter sowie große Akanthusblätter. Einst war der aus einem riesigen Felsblock geschlagene Grabtempel komplett verputzt und in lebhaften Farben bemalt. 

Die archäologische Ausgrabungsstätte „necropoli etrusca“, ca. 2 km von Sovana entfernt, bietet neben den Grabanlagen noch eine weitere Besonderheit. Die Etrusker schufen durch das Abtragen des weichen Materials Hohlwege direkt in den Tuffstein, die „vie cave“. Diese Cavoni verbinden die etruskischen Nekropolen mit den Siedlungsstätten der ehemaligen Bewohner. Die bis nach Pitigliano und Sorano verzweigten Hohlwege darf man durchwandern, unterwegs entdeckt man Relikte etruskischer, römischer und christlicher Kultur. 

Im Archäologischen Park Sovana erhält man einen Lageplan, ohne den man sich nicht aufmachen sollte. Festes Schuhwerk und eine gute körperliche Verfassung sind für diese Unternehmung wichtig. Eine längere Wanderung durch die teilweise unwegsamen engen Cavoni ist für kleine Kinder nicht geeignet, aber für Erwachsene ein eindrucksvolles Erlebnis. 

Wer sich nach dem Wandern nichts sehnlicher als ein gutes italienisches Essen wünscht, dem empfehle ich das Restaurant Agriristoro FOCACCERIA LA DOGANA, etwas außerhalb von Sovana. Die meisten Produkte des Familienbetriebs stammen aus eigener Herstellung, die Küche ist ausgezeichnet. Der schöne Außenbereich mit großem Garten lädt zum Ausruhen und Verweilen in ländlicher Umgebung ein (+39 339 672 4645)


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