Capalbio - Aufstieg vom Banditennest zum Edeltourismus

Autor: Philipp Loermann
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Das winzige mittelalterliche Städtchen Capalbio hat sich herausgeputzt – so sauber, hübsch aufgeräumt und sorgfältig restauriert zieht es ausländische wie italienische Touristen an. Nicht nur die Ritter- und Räuberromantik der auf der Höhe gelegenen Altstadt fasziniert die Besucher, sondern auch der wunderbare Panoramablick von oben. Man kann sogar das Thyrrenische Meer sehen! In den alten, aber sanierten Gemäuern bieten mehrere Restaurants typisch maremmanische Gerichte an. Gemütlich ist es drinnen wie draußen auf den Trattoria-Terrassen.

Capalbio im Sommerhoch

An Sommerwochenenden herrscht Hochbetrieb in Capalbio, die Parkplätze sind dann ebenso rar wie ein Platz in einem der guten Lokale. Diese werden sogar von den wohlhabenden Römern geschätzt, bei denen es angesagt ist, hier ein Ferienhaus zu besitzen. Gelegentlich wird der Ort schon das „Wohnzimmer“ römischer Intellektueller genannt. Zudem lockt Capalbio jedes Jahr im Juli weitere Gäste an, darunter viele Kulturschaffende. Anfänger und Meister der Filmkunst treffen sich dann anlässlich des internationalen Capalbio-Kurzfilm-Festivals. Das von dem berühmten Regisseur Michelangelo Antonioni gegründete Filmfest feierte im Jahr 2021 bereits seine 23. Ausgabe. Und auch die Reisegruppen, die den nur wenige Kilometer entfernten fantastischen Tarot-Garten der französisch-amerikanischen Künstlerin Niki de Saint Phalle besuchen, machen einen Abstecher nach Capalbio.   

Reisen im Frühling und Herbst

Mehr Genuss und Ruhe zum Schauen verspricht ein Ausflug in den schönen Ort während der Vor- und Nachsaison. Dann kann man ungestört in die einmalige Atmosphäre der alten Gassen und Gebäude eintauchen. Ein Spaziergang durch das heutzutage schmucke Capalbio führt den Besucher in die wechselvolle historische Vergangenheit des Örtchens zurück. Alles ist gut erhalten und so geblieben wie damals. Man gewinnt den Eindruck einer authentisch mittelalterlichen Anlage mit Burg, Wehrgang und Stadtmauer.

Gauner und Ganoven

Die populären Legenden der Gegend ranken sich aber gar nicht so sehr um das Rittertum und die mächtigen toskanischen Herzöge, sondern um die räuberischen Banden, die im 19. Jh. in der Maremma ihr Unwesen trieben. Im Räubernest Capalbio erinnern Fotos und andere Andenken an den mörderischen Gauner Tiburzi, der sich während seiner Flucht vor der Polizei hier versteckt hielt, 1896 von den Carabinieri erschossen und auf dem örtlichen Friedhof begraben wurde. Zum italienischen Robin Hood stilisiert, soll er das erbeutete Raubgut an die arme Landbevölkerung verteilt haben. Denn Hungersnot und Malaria herrschten in der Maremma, als in der ersten Hälfte des 18. Jhs., nach dem Aussterben der Medici, die Habsburg-Lothringer die Toskana übernahmen. Die Obrigkeit kümmerte sich nicht um die wirtschaftlichen Probleme der auch sozial benachteiligten Bauern in den Sumpfgebieten, infolgedessen übernahmen Banditen über Jahrzehnte hinweg die Führung. Die freie Sicht ins Umland vom doppelten Mauerring aus, den man durch die Porta Senese, das Stadttor mit den originalen Holztüren aus dem 15. Jh., erreicht, begeistert nicht nur die Urlauber. Die steile Stadtmauer garantierte im Mittelalter, dass anrückende Kriegsfeinde frühzeitig erspäht wurden. Genau diesen Standortvorteil von Capalbio schätzten die späteren Räuberbanden ebenfalls, um rechtzeitig vor dem Eintreffen der Polizei zu verschwinden.

Ein bisschen Geschichte muss sein

Karl der Große schenkte im Jahr 805 die Siedlung dem Kloster Tre Fontane in Rom. Rund 250 Jahre später ging der Ort in den Besitz der mächtigen Grafenfamilie Aldobrandeschi über, danach fiel er deren Erben zu, den Orsini. Zu Beginn des 15. Jhs. übernahm Siena die Herrschaft über den wichtigen Stützpunkt am äußersten Zipfel ihrer Republik, die sich nahezu über die gesamte Südtoskana, die heutige Provinz Grosseto, erstreckte. Nach der Niederlage Sienas gegen Florenz wurde Capalbio 1555 Teil des Herzogtums Toskana, das die florentinischen Medici regierten. Von da an geriet es während der nächsten 300 Jahre geradezu in Vergessenheit... Im 19. Jh. gehörte es mal zu Orbetello, dann zu Manciano und ist seit 1960 wieder eigenständig. Der Aufstieg zu einem Hotspot des Monte Argentario-Tourismus lag nicht etwa in der Luft, sondern ist der Nähe zu den mondänen Yachthäfen Porto Ercole und Porto Santo Stefano sowie dem ebenso magnetischen wie bizarren Tarot-Garten zu verdanken.

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Nichts verpassen

Das Herzstück des alten Capalbio ist die hoch aufragende Rocca Aldobrandesca aus dem 13. Jh. Nach der herausfordernden Turmbesteigung wird man mit der spektakulären

360° Aussicht belohnt. Für Opernfans ist auch das Innere des dreistöckigen Castello, nach dem ehemaligen Besitzer Palazzo Collachioni genannt, sehenswert. Dieser Neo-Renaissancepalast aus dem 19. Jh. zeigt historische Möbel in eleganter Raumausstattung. Und auf dem besonderen Hammerklavier, das Ihnen bei Ihrem Rundgang auffallen wird, spielte einst der Komponist Giacomo Puccini während seiner Jagdaufenthalte in Capalbio.

Die Kirche Chiesa di San Nicola aus dem 12. Jh., Mitte des 15. Jhs. verändert und vergrößert, liegt mitten im Altstadtkern. Bei Restaurierungsarbeiten wurden 1936 schöne Wandfresken aus dem 15. Jh. freigelegt. Bewundernswert sind die Darstellungen der Madonna mit dem Jesuskind sowie die von christlichen Heiligenfiguren.

Außerhalb der Stadtmauern wurde das Oratorium della Provvidenza errichtet, ursprünglich ein Versammlungsraum früher Christen. 1792 wurde die Kapelle wesentlich vergrößert und der Hochaltar mit dem Gemälde Madonna della Provvidenza (Madonna der göttlichen Vorsehung) geschmückt. Kunsthistorisch interessant sind vor allem die Fresken aus dem frühen 16. Jh., die vermutlich von Antonio del Massaro (Il Pastura genannt) stammen. An der Rückwand ist eine thronende Madonna mit Kind zu sehen, flankiert von den Heiligen Hieronymus und Sigismund. Auf einer Seitenwand erkennt man die Märtyrer Kosmas und Damian anhand der Gefäße in ihren Händen. Beide waren der christlichen Überlieferung nach syrische Ärzte, die Kranke umsonst behandelten und ihre Patienten zum christlichen Glauben bekehrten. Das mussten sie mit ihrem Leben bezahlen.

Lebenserhaltende Maßnahme

Nach soviel Kultur und dem Erklimmen des Torre hat man sich eine Pause in einem netten Ristorante verdient. Ich trinke gerne einen Aperol auf der Terrazza der Trattoria al Pozzo mittendrin im historischen Zentrum der Altstadt.Vor zu viel Sonne geschützt entspannt man unter hellen Schirmen und umgeben von mittelalterlichen Mauern. Die Pasta mit Tartufo (Nudeln mit Trüffeln) schmeckt ausgezeichnet, ebenso wie die Pici al Ragu.

Wir sind im Urlaub und genießen diese wundervolle Zeit!     


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